Zeitzeuge „entführt“ FOSBOS-Schüler in die Welt der DDR-Diktatur

Vortrag_SchneiderRainer Schneider (stehend) bindet die Jugendlichen aktiv mit ein.

Kelheim. „Ich war 17 und hatte Träume. Ich wollte sie leben.“ – so beginnt der Erlebnisbericht des DDR-Zeitzeugen Rainer Schneider, der vor wenigen Tagen auf Initiative von StRin Susanne Pongratz-Wolf die FOSBOS Kelheim besuchte, um den Schülerinnen und Schülern der 11. Klassen über die persönlichen, teils traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit bzw. seiner Erziehung, der Verhaftung und dem damit verbundenen Gefängnisaufenthalt in der ehemaligen DDR zu berichten.

Schneider wird den Tag seiner Verhaftung am Erfurter Hauptbahnhof im Jahr 1972 wohl nie vergessen, als sechs bewaffnete Männer den damals 17-Jährigen plötzlich überwältigten und ihn wie einen Schwerverbrecher in Handschellen abführten: „So schnell klebte ich noch nie wie ein Schmetterling an der Wand“, schildert der heute 63-Jährige – und das nur, weil er in den Westen, in die Freiheit zu seiner Mutter fliehen wollte, die in München Arbeit gefunden hatte.

Zahlreiche Anträge auf Familienzusammenführung wurden im Vorfeld abgelehnt, die Mutter sah er von 1958 bis 1962 insgesamt nur ein einziges Mal. Seine Kindheit verbrachte Schneider währenddessen bei der Großmutter in der DDR. Die geplante Flucht endete, bevor sie wirklich begann, schließlich im Jugendgefängnis, die verhasste Grenze zwischen BRD und DDR schien für Schneider zunächst unüberwindbar.

Willkür und systematische Einschüchterung

Der seit mittlerweile über 40 Jahren in München lebende Wahl-Bayer versteht es während der gesamten drei Schulstunden, die rund 100 FOSBOS-Schülerinnen und -Schüler von Anfang an in seinen Bann zu ziehen. Dabei stellt Schneider den Jugendlichen während seiner Schilderungen immer wieder eine zentrale Frage: „Wie funktioniert Diktatur, meine Damen und Herren?“ Die einstimmige Schülerantwort: „Durch Willkür und systematische Einschüchterung“.

In authentischer Art und Weise und mit Hilfe zahlreicher Bilder, originalen Briefen, Videodokumentationen und Kinderbüchern belegt der gebürtige Erfurter dies mit packenden Beispielen aus seinem Leben, indem er unter anderem von seinen Erfahrungen in der Kindheit, der Ausbildung in DDR-Ferienlagern inklusive dem sog. „Wehrkundeunterricht“ in der Schule berichtet, bis hin zu seiner Inhaftierung. Dass die Veranstaltung bei den Zuhörerinnen und Zuhörern sehr gut ankommt, beweist insbesondere die Tatsache, dass sie während der gesamten 135 Minuten immer wieder Zwischenfragen stellen.

Inhaftierung Schneiders

Im Raum ist nahezu bei allen Anwesenden der fassungslose Blick zu sehen, als Schneider Details von seiner Inhaftierung im Jahr 1972 verrät. „Einen Rechtsanwalt bekam ich zunächst nicht“, schildert er auch heute noch fassungslos. Auf ihn wartete stattdessen eine winzig kleine Zelle, in die er die ersten 10 Tage in Einzelhaft ohne jegliche soziale Kontakte gesperrt wurde. Herabwürdigungen und Beschimpfungen gehörten zum Gefängnisalltag. Verurteilt wurde der Thüringer schließlich wegen des „versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts“ zu 10 Monaten Haft. „Ich war 17, meine Träume schwanden“, erzählt Schneider sehr emotional.

Die Anklageschrift bekam er erst drei Monate nach der Inhaftierung vorgelegt. „Wie sich später herausstellte, hatte mich mein Bekannter verraten, der mit mir die Flucht plante. Er war ein Spitzel des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen und täuschte nur vor, mir bei der Flucht helfen zu wollen. In Wahrheit sammelte er Informationen und Beweise“, so Schneider und ergänzt seine Schilderung um die Worte „Genau so funktioniert Diktatur, meine Damen und Herren!“

Demokratie verteidigen

Nach seinem rund 10-monatigen Gefängnisaufenthalt und weiteren Ausreiseanträgen wurde ihm 1974 schließlich die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland gewährt und er ließ sich in München nieder, wo er auch heute noch lebt. Eine wichtige Botschaft Schneiders ist es, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu animieren, die demokratischen Werte zu leben und zu verteidigen, damit Diktatur keine Chance auf Verbreitung hat. Der letzte Satz Schneiders vor dem lang anhaltenden Applaus schließt mit einem Appell: „Erhaltet die Demokratie! Geht wählen! Ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt, dass ihr in einer Demokratie leben dürft.“

Autor: Florian Pollich, StR

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